Während in den Jahren vor der Pandemie die Polen ihren Urlaub hauptsächlich daheim verbrachten, hat sich die Situation seitdem etwas verändert. Nicht dass sie nicht mehr an die Ostsee oder in die Tatra fahren – das tun sie nach wie vor am liebsten, aber sie strömen auch immer freudiger ins Ausland. In Italien, zum Beispiel am Gardasee, kann man es hören, sehen und ja, sogar schmecken. Die polnischen Urlauber sind überall. Und zählen laut der einheimischen Behörden mittlerweile zu der viertgrößten Touristengruppe an diesem traumhaften Ort.
Die Ankunft
Es war ein sonniger Tag im Juli, als wir, meine beiden Mädels und unser pelziger Begleiter, der für Geschlechterausgleich sorgt – der Hund, in Sirmione, im Süden des Gardasees ankamen. Es dauerte eine Weile, bis wir uns zum reservierten Parkplatz durchkämpften. Aber das lag ausnahmsweise nicht an meinen eher gemäßigten Fahrkünsten. Nö. Die Menge an Autos und Menschen, die uns den Weg erschwerten war etwas irritierend. Aber nicht überraschend. Das war ja zu erwarten. Was weniger zu erwarten war, ist die Tatsache, dass sie gefühlt mehrheitlich polnisch war.
In guter Gesellschaft
Auf dem Parkplatz ging es weiter. Wir ließen unser Auto in der Nachbarschaft von lauter Wagen aus Polen stehen. Hauptsächlich aus Krakau, Breslau und Kattowitz. Leute aus Lebus, Großpolen (vornehmlich aus Posen) waren auch dabei. Warschauer sah ich indessen kaum. Puh, was für ein Glück!
Ab ins Hotel
Auf dem Weg ins Hotel, wiederholte sich die Lage. Wir liefen an so vielen Polen vorbei, dass sich meine Frau noch am selben Abend bei dem Kellner im Restaurant auf Polnisch bedankte. Aber das war kein bisschen schlimm, denn…
„Dzień dobry, dziękuję, pyszne lody*!”
… Gleiches galt für so manchen Kellner und die örtlichen Eisverkäufer. Mehr als einmal wurden wir von ihnen beim Betreten eines Lokals auf Polnisch begrüßt. Und da wir uns in Sirmione hauptsächlich von Eis ernährten, fühlten wir uns schon bald wie in den Masuren. Nur deutlich wärmer, versteht sich.
Doch zurück zum Eis. Drei, manchmal vier große Portionen mussten täglich her. Und dann, so nach vier, fünf Tagen passierte etwas, was ich nicht für möglich gehalten hätte: Ich konnte nicht mehr. Ich konnte einfach kein Eis mehr vertragen. Völlig sorten- und geschmacksunabhängig! Aber die polnisch (!) benannte Eisdiele „Lody, Lody“ (Eis, Eis), halte ich trotzdem in ehrbarer Erinnerung.
Ab nach Venedig
Wenn man schon am Gardasee ist, erkundet man selbstverständlich die Gegend. Zum Beispiel Venedig. Auf dem Weg dorthin, den wir äußerst passend zu Wasser (von Sottomarina aus) zurückgelegt haben, lernten wir eine sympathische polnische Familie kennen. Die vier Köpfe aus Krakau sprachen uns auf den Hund an. Ihrer sei nämlich daheim geblieben. Zu alt für eine lange Reise, die sie zuerst nach Südfrankreich und dann nach Norditalien geführt hat. Auf dem Rückweg würden sie noch in Wien vorbeischauen. Schön.
Eine Handvoll Statistiken
Wer an meiner Beobachtungsgabe zweifelt und sie auf die sog. selektive Wahrnehmung oder sonstige berufs- und herkunftsbedingte Polenfixierung zurückführt, dem sei mit den Statistiken bzw. den Berichten der Einheimischen geholfen. Denn die Italiener scheinen die polnischen Touristen bereits vor mir entdeckt zu haben. Und zählen sie mit 1,4 Millionen (Tendenz steigend) zu der viertgrößten Gruppe in der Gegend.
Ok, es gibt also polnische Touristen in Italien, was soll´s?
Ja, so, oder so ähnlich mag jetzt eine(r) von Ihnen denken. Aber so einfach ist es nicht. Und zwar deshalb, weil es immer noch nicht üblich ist, Polen als Urlauber wahrzunehmen. Seien Sie ehrlich: Spargelstecher, Handwerker, Pflegekräfte – klar! Aber Touristen? Dazu noch im Westen?!
Die polnischen Massen, die sich an italienischen und sonstigen Stränden sonnen, lehren uns (mich eingeschlossen!) eine wichtige Lektion: Polen hat sich als Land und Gesellschaft wesentlich schneller entwickelt, als unsere Vorstellung davon. Das ganze Gerede über die starke polnische Wirtschaft ist nicht bloß Geräuschkulisse. Die polnische Entwicklung hat Folgen. Sie ist messbar und sichtbar. Und das ist gut so.
Nachwort
Es war ein sonniger Tag im August, als wir, meine beiden Mädels und der Hund, über unsere heimischen Felder liefen. Zwei Gruppen von Radfahrer kamen an uns vorbei. Beide sprachen Polnisch. „Ja sind wir den hier in Sirmione?“, fragte meine Frau. Ich musste schmunzeln. Und dachte bei mir das Gleiche.
* Guten Tag, danke, köstliches Eis
P.S. Wer meine vorigen Sommerbeiträge gelesen hat, der weiß, dass diese Jahreszeit immer einen eigenen Soundtrack für mich hat. Dieses Jahr war es dieser hier. Natürlich auf Polnisch.

