Eine Story aus dem wahren Leben – wie ich in Polen unkompliziert Hilfsbereitschaft erfuhr

Kamil Wierzbowski machte sich mit 49 Jahren selbstständig. Hier repariert er die Gangschaltung an einem Damenrad. Foto: Andreas Schwarze (ASC) Kamil Wierzbowski machte sich mit 49 Jahren selbstständig. Hier repariert er die Gangschaltung an einem Damenrad. Foto: Andreas Schwarze (ASC)

Gryfino/Gartz (Oder). (ASC) Wir als Redaktion berichten oftmals über die Schicksale, die Freuden oder das Leid anderer Menschen. Manchmal schreibt aber auch die eigene Erfahrung als „Grenzgänger“ die mitunter schönsten Geschichten.

Es war der Nachmittag des 5. August 2026. Nachdem die tägliche Redaktionsarbeit für meine regionale Newsseite und einigen facebook- Posts für Polen.pl erledigt war, da habe ich mich aufs Fahrrad geschwungen. Es ist fast alltäglich mein Ausgleich zum Job und Ehrenamt. Dann geht es rund 12 Kilometer vom Kranichstädchen Gartz an der Oder ins benachbarte Gryfino (Greifenhagen). Und entlang an Waldwegen, über die Oderbrücke hin zur polnischen Kreisstadt.

Dort angekommen klingt normaler Weise der Abend bei einer Tasse Kaffee, einem Kaltgetränk oder einer Pizza – manchmal auch dem Döner – angemessen aus. Zu beobachten von den gepflegten Sitzbänken am Gryfinoer Boulevard dann auch der herrliche Sonnenuntergang entlang der deutschen Seite des Flusses.

An diesem Abend sollte alles anders sein

Als ich gegen 20 Uhr die Rückfahrt antreten wollte, genau ich wollte, da stellte ich fest: der hintere Fahrradreifen hat einen Platten. Auch wenn Gryfino eine Kreisstadt ist, eine geöffnete Fahrradwerkstatt zu finden? Ich hatte kaum Hoffnung! Eine Nachfrage bei „Tante Google“ ergab, nach 17 bzw. 18 Uhr da haben alle zu. Na toll! Mutig entschloss ich mich auf gut Glück dann doch die angegebene Rufnummer einer Fahrradservicewerkstatt anzurufen. Es klingelt und mir war irgendwie schon klar: gleich kommt der Anrufbeantworter oder der Ruf geht aus. Doch was ich dann erlebte, es erstaunte mich. Am anderen Ende der Leitung meldete sich direkt eine nette Stimme und sogar in deutscher Sprache, hatte der Gesprächspartner etwa an der Vorwahl +49 erkannt, ich bin ein Deutschen? Ja, so sollte es sein!“ Ich wurde begrüßt mit den Worten: „Ich ist die Fahrradwerkstatt von Kamil, was ist los?!“ Ich war verblüfft und erklärte meine Situation. Der nette Kamil antwortete kumpelhaft: „Du, ich bin fast schon in Szczecin beim meinem Zuhause, weißt Du es ist kein Problem, ich komme zurück zur Werkstatt. Schaffst Du es bis dahin oder wo steckst Du?“ Ich war voller Dankbarkeit und konnte ihm erklären ganz in der Nähe der Werkstatt zu sein. Und so schob ich mein Fahrrad dorthin. Das dauerte etwas 10 Minuten und etwa gleichzeitig kam der Fahrradmonteur und Inhaber von „GRYF-BIKE“ (Link zur Homepage und facebook) angefahren. Werkstatttüre auf, Fahrrad aufgebockt und keine 5 Minuten später war der neue Schlauch aufgezogen. Man war ich froh!

Wie viel mich das jetzt wohl kosten wird

Bilck in die kleine Werkstatt von Kamil an der ul. Szczecińska 7 in Gryfino. Foto: ASC.
Bilck in die kleine Werkstatt von Kamil an der ul. Szczecińska 7 in Gryfino. Foto: ASC.

„Traumatisiert“ von Erfahrungen aus Deutschland, wo meistens schon der Schlauchwechsel mit 25 bis 35 Euro zu Buche schlägt, so befürchtete ich auf Grund des „Noteinsatzes“ außerhalb der Öffnungszeit: es wird nicht billig. Doch ich wurde eines besseren belehrt. „Das mach 25 Zloty (rund sechs Euro) bitte!“ Ich staunte und fragte nach, ob es nur für den Schlauch wäre? Kamil entgegnete: „Schlauch und Service!“ Nun war ich noch mehr baff. Ich hatte noch 50 Zloty dabei, aber auch wenn ich die nicht gehabt hätte, in der Werkstatt, welche von Außen eher nach einem gewöhnlichen Schuppen aussieht, waren gleich zwei Kartenlesegeräte sichtbar. Ein mobiles und ein stationäres. Auch ein wichtiges Thema, wie ich finde, denn wer hat schon immer als Radler große Mengen Bargeld dabei. Ich nicht. Kamil bekam die 50 Zloty schließlich von mir, die riesige Freude war ihm anzusehen. Wobei auch dieser Betrag für deutsche Verhältnisse mit umgerechnet rund 12 Euro kein Vermögen sind.

Beim Abschiedsgruß entstand die Idee für diese Kolumne

Als ich schon gehen wollte und „Do widzenia“ sagen wollte, da kam mein journalistischer Instinkt in mir durch und ich meinte zu Kamil: „Hier ist meine Visitenkarte, lass uns mal treffen in der nächsten Woche und was über deine Selbstständigkeit mit der Fahrradwerkstatt schreiben…“ – er stimmte zu!

Wer ist also dieser hilfsbereite Kamil und wie ist es denn so als Selbstständiger in der Branche

Am 10.08.2026 und kurz vor seinem Feierabend um 17 Uhr, wo die Werkstatt offiziell schließt, verabredeten wir uns.

Kamil (sein Nachname lautet Wierzbowski) ist 49 Jahre jung und zugegeben, ansehen tut man ihm das Alter nicht. Herum gekommen ist er dafür sogar schon bis ins Ruhrgebiet, wie er erzählt. In den 13 Jahren in denen er in der Bundesrepublik lebte und bei einer internationalen Maschinenbau Firma arbeitete, da konnte er seine Sprachkenntnisse erlangen. Er ist gelernter Industriemechaniker. Er habe in Westdeutschland gutes Geld verdient, doch die Sehnsucht nach seiner Geburtsstadt Gryfino (Greifenhagen) war schlussendlich größer. Seine Familie und seine jetzige Lebensgefährtin waren schlussendlich der Grund für die Rückkehr. Und der glückliche Umstand das er von einem Bekannten über einen sehr günstig zu verkaufenden „Odido“ (polnischer Minimarkt) erfuhr. Er eröffnete am 27.04.2026 in diesen Räumlichkeiten seine Fahrradwerkstatt mit dem Namen „GRYF-BIKE“ – einer Art Kurzform für Gryfino.

„Ich schraube und bastele seit meiner Jungend, na okay so ungefähr schon 30 Jahre lang, gerne an Zweirädern herum. Es war immer ein Ausgleich zu meinem harten Job in der Industrie. Und ich wusste, obwohl Gryfino eine Kreisstadt ist, hier gibt es seit einiger Zeit keine stationäre Fahrradwerkstatt mehr. So war die Idee geboren“, erzählt Kamil. Und es ist ihm ganz wichtig zu ergänzen: „In meiner Zeit im Ruhrgebiet habe ich in der Freizeit bei einem Zweiradhändler ausgeholfen. Dadurch habe ich sogar Zertifizierungen und Qualifizierungen als BOSCH-E-BIKE-Monteur und SHIMANO-Gangschaltungs-Spezialist.“

Den klassischen Ausbildungsberuf als Zweiradmechaniker, wie man ihn in Deutschland kennt, ihn gibt es in Polen übrigens (noch) nicht.

Platte Reifen und Probleme mit der Gangschaltung als Tagesgeschäft

Voller Stolz aber dennoch bescheiden steht Kamil vor seiner neuen Existenz. Foto: ASC
Voller Stolz aber dennoch bescheiden steht Kamil vor seiner neuen Existenz. Foto: ASC

In seiner Werkstatt die werktäglich von 09-17 Uhr und Samstags von 09-14 Uhr geöffnet ist sind die Hauptanliegen der Kunden kaputte Reifen und Problematiken mit der Gangschaltung. Und vor Aufträgen könne er sich kaum retten. Kein Wunder, führen doch sowohl auf deutscher als auch auf polnischer Seite der Oder zahlreiche Fernradwege zur deutschen und polnischen Ostsee entlang. Und so kommt es vor, mangels einem unzureichenden Werkstattnetz insbesondere zwischen der Uckermark bis hoch an die Küste das ihn viele Hilferufe auch von deutscher Seite erreichen würden.

„Wer hier in der Umgebung nach einer Fahrradwerkstatt sucht, kommt über Google schnell zu mir. Dann habe ich noch einen Kontakt per WhatsApp und inzwischen einige Rezensionen in deutscher Sprache. Das macht schon was aus,“ so Kamil.

Aber war macht er dann, wenn sich plötzlich hilfesuchende Radler aus dem deutschen Umland melden? Kamil lacht und antwortet: „Dann fahre ich da nach Feierabend hin und helfe denen. Letzte Woche bin ich um 23 Uhr nach Mescherin rüber. Eine Österreicherin, beladen mit viel Gepäck, sie weinte am Telefon und war verzweifelt. Da war keiner auf deutscher Seite der ihr mit dem Speichenbruch noch helfen konnte. Die einzige Fahrradwerkstatt in der Stadt Gartz längst geschlossen. Ich war noch bereit. Ich packte ein Ersatzrad ein, los ging es!“

Noch in der Nacht konnte die Frau ihre Nachttour an die Ostsee fortsetzen. Kamil verrät, bezahlt habe sie mit Kreditkarte. Denn ein mobiles Terminal hat er immer dabei. Notfalls geht es auch in Euro oder PayPal und Banküberweisung nehme er auch an.

Na wenn das nicht ein Service wie aus dem Bilderbuch ist? Die Redaktion wünsch Kamil auf jeden Fall sehr viel Erfolg bei seiner frischen Rückkehr nach Polen und möge er stets so ehrlich, hilfsbereit und aufrichtig bleiben!

Natürlich möchten wir an dieser Stelle auch die Kontaktdaten nicht vorenthalten, bitteschön: